Zentrierungen                                              Thomas Pedroli

Zwei Kollegen treffen sich, um eine problematische Situation, die auf der Abteilung entstanden ist, zu besprechen. Während E erst eine Weile über andere Dinge spricht, zwei Tassen Kaffee holt, einen kleinen Scherz macht, die Stühle zusammenrückt und nach dem persönlichen Befinden von M fragt, wird M zunehmend unruhig, schaut auf die Uhr und macht immer wieder Versuche, auf das Thema zu kommen, wofür sie zusammengekommen sind. Als sie dann endlich beginnen, sind beide Personen schon richtig verstimmt. E fühlt sich eingeengt und unter Druck gesetzt. M fühlt sich in seinem Anliegen nicht ernst genommen und versucht herauszufinden, was die Äußerungen von E mit dem Thema zu tun haben. E kann sich nicht vorstellen, über ein Problem zu sprechen, ohne vorher den Kontakt hergestellt zu haben und die Atmosphäre gepflegt zu haben. E formt seine Gedanken erst während des Sprechens.  Dagegen kann M es nicht verstehen, dass E eine ganze Weile reden kann, ohne etwas Inhaltliches zu sagen. M hat sich vorher Gedanken über das Thema gemacht und kann unmittelbar einsteigen.

E und M haben nämlich eine unterschiedliche Zentrierung und demzufolge verschiedene Bedürfnisse in Bezug auf die Kommunikation. E hat eine emotionale Zentrierung und M eine mentale. Was heißt denn Zentrierung? Der Mensch hat körperliche, emotionale und mentale Aspekte. Die Zentrierung beschreibt, wie und in welcher Folge Informationen aufgenommen, verarbeitet und umgesetzt werden. Das kann sehr verschieden sein, je nachdem, ob die emotionale, die mentale oder die physischen Anteile an erster Stelle stehen in diesem Prozess. Emotional zentrierte Menschen nehmen viel über ihre Gefühle wahr und in der emotionalen Interaktion mit andere Menschen. Die mentale oder praktische Verarbeitung kommt erst anschließend. Mental zentrierte Menschen nehmen erst über die Gedanken, die Logik und die Struktur wahr. Sie neigen dazu, die emotionale Verarbeitung eher alleine und „intern“ zu vollziehen. Ihre Handlungen sind geprägt von Struktur, Logik und oft gut durchdacht. Physisch zentrierte Menschen orientieren sich erst an den Tatsachen und den Gegebenheiten. Sie sammeln alle Informationen oder Input, die sie brauchen, berücksichtigen Vergangenheit und Zukunft und kommen eher langsam zu Ergebnissen. Die sind dann allerdings praktikabel, langfristig und nachhaltig.

 

Da es drei Komponenten gibt, die in beliebiger Reihenfolge geordnet werden können, gibt es theoretisch neun verschiedene Möglichkeiten. In der Praxis jedoch haben Forscher nur fünf davon gefunden, die in unserer westlichen Welt regelmäßig vorkommen: eine mentale, zwei emotionale und zwei physische Zentrierungen. Mental-physisch (5%), emotional-mental (25 %) und emotional-physisch (55%), physisch-mental (10%) und physisch-emotional (5%). Auffällig ist, dass in unserer Gesellschaft die emotionalen Zentrierungen mit einem Anteil von 80% vorherrschen, was zur Folge hat, dass die emotionalen Zentrierungen bei uns oft „den Ton“ angeben, während mentale und physische Zentrierungen als „Minderheiten“ gelten und häufig als etwas „dissonant“ erlebt werden.

 

Alle Zentrierungen haben ihre Vorzüge und Einseitigkeiten. In dem Zusammenwirken entstehen synergetische Möglichkeiten, allerdings nur, wenn jeder der Beteiligten akzeptiert, dass die Menschen mit anderen Zentrierungen nicht so funktionieren wie sie selber. Das braucht eine Art Übersetzungsarbeit bzw. die Fähigkeit, die „Sprache“ der Anderen zu verstehen und ansatzweise zu sprechen. Das ist lernbar. Diese Fähigkeit steigert die Teamfähigkeit auf erstaunliche Weise und lässt eine Reihe von Konfliktsituationen erst gar nicht entstehen. In dem Sinne ist es wichtig, erst seine eigene Zentrierung zu entdecken und verstehen zu lernen, wie die eigenen Bedürfnisse gelagert sind. Daraufhin kann man die anderen Zentrierungen verstehen lernen, um schließlich herauszufinden, wie man in der jeweiligen Situation am besten kommuniziert.

 

In der oben erwähnten Situation könnte es dann z.B. zur Entspannung beitragen, wenn E sagt, dass er erst eine Weile undeutlich sprechen wird, bis er seine Gedanken geformt hat. M braucht dann nicht die ganze Zeit nach etwas zu suchen, was sowieso nicht zu finden ist: Logik. Wenn M ahnt, dass E eine emotionale Zentrierung hat, kann er sich einen kleinen Ruck geben und etwas Persönliches sagen, wodurch er als Mensch sichtbar wird, bevor er zum Thema kommt. Und schon ist eine Brücke gebaut.

 

Aktuell: Im Quellhof (D74592 Kirchberg) findet von 24. - 26. Februar 2017 ein Seminar über die Zentrierungen statt. Mehr Info.